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Test mit dem neuen Scania 500 Super durch den Kreisel: Im Vergleich zum Vorgänger mit 500 PS nutzt derjenige der Baureihe Super ein um 100 Nm höheres maximales Drehmoment (2650 statt 2550 U/min). Es steht schon von nur 900 bis 1320 U/min zur Verfügung.

Wir fuhren die neuen Scania Super

Was taugen die neuen Motoren der neuen Generation Super von Scania mit ihrer doppelten oben liegenden Nockenwelle? Um das herauszufinden, fuhren wir in Schweden vier von ihnen – einen mit 500 sowie drei mit je 560 PS. Wir konnten sie zudem mit zwei 500 sowie 540 PS starken Modellen der aktuellen Generation vergleichen.

Die neue Super-Baureihe von Scania, die ihre Premiere am 11. November auf der transport-CH in Bern feierte, zeigte sich äusserst vielversprechend. Die Verantwortlichen der Marke mit dem Greif fanden nur lobende Worte für die neuen 13-Liter-Sechszylinder-Aggregate. Diese zeichnen sich durch oben liegende doppelte Nockenwellen kombiniert mit Vierventil-Zylinderkopf aus und sollen, so jedenfalls Scania, Treibstoffeinsparungen von bis zu acht Prozent ermöglichen (siehe SWISS CAMION 12/2021). Das ist aber nicht das einzige Neue. Mit der Vorstellung der Super-Baureihe wird zugleich auch das neue Rückspiegel-Kamerasystem eingeführt.

Das war auch das Erste, was uns auffiel, als wir auf dem Testgelände von Scania eintrafen – die Rückspiegel-Kameras. Sie sind vom Unternehmen Vision Systems entwickelt worden, das auch andere Fahrzeuge ausrüstet, etwa die Schweizer Busse Hess lighTram. Und: sie können – optional – auch an Scanias der letzten fünf Jahre montiert werden, etwa am Scania 500 der aktuellen Generation, der auf einem der vorderen Parkplätze auf dem Testgelände abgestellt war.

«Fahren Sie bitte zuerst mit einem Lastwagen der aktuellen Baureihe, bevor Sie unsere neuen Fahrzeuge der Super-Generation testen. Das macht es Ihnen leichter, Entwicklungsfortschritte festzustellen», riet einer der Techniker von Scania, der uns begleitete. Wir folgten seinem Rat und stiegen in den oben erwähnten Fünfhunderter.

Nicht ganz ideale Position

Im Gegensatz zu den Rückspiegelkameras von Mercedes-Benz oder DAF sind sie nicht oben an der Kabine, sondern auf Höhe der vorderen Unterkante der Seitenscheibe montiert. Diese Position ist unserer Meinung nach nicht ideal, da sie einen Teil des Sichtfeldes des Fahrers einschränkt, sobald er die Strasse aus dem Seitenfenster heraus beobachtet. Das wäre nicht der Fall, wären sie oben an der Kabine montiert, so wie bei DAF oder Mercedes-Benz.

Dennoch bieten die Rückspiegelkameras ein besseres Sichtfeld, wenn man beispielsweise in Augenhöhe oder nach oben aus der Fahrer-Seitenscheibe schaut. Denn die Rückspiegelkameras reduzieren den toten Winkel bei Weitem besser als traditionelle Rückspiegel. Die Bilder, welche auf den an den A-Säulen montierten 12,3-Zoll-Monitoren erscheinen, werden in hochauflösender Qualität wiedergegeben.

Laut Scania seien die Bildschirme zudem in der Lage, eventuelle Blendungen durch Scheinwerfer nachfolgender Fahrzeuge zu reduzieren. Das konnten wir nicht nachprüfen, weil wir unsere Testfahrten ja tagsüber machten.

Höheres Drehmoment

Nach zwei Runden mit dem 500 der aktuellen Baureihe auf den Scania-Versuchspisten übernahmen wir das Lenkrad eines 500 Super. Jetzt konnten wir die Weiterentwicklungen feststellen. Zwar haben die beiden Lastwagen identische 500-PS-Motoren, doch ihr maximales Drehmoment ist unterschiedlich. Das des 500 Super bewegt sich bei 2650 Nm im Vergleich zu den 2550 Nm des aktuellen 500. «Und das erreicht er schon bei Drehzahlen zwischen 900 und 1320 U/min. Das wiederum hilft die Abgase zu reduzieren», präzisierte der Demofahrer, der uns während der Testfahrten begleitete.

«Hier etwa kann man mit dem 500 Super den gesamten Anstieg im achten Gang bewältigen, während man beim 500 der aktuellen Baureihe in den siebten Gang hätte herunterschalten müssen, lange bevor Sie oben angekommen wären, und das wiederum hilft Treibstoff sparen.» Der neue 560-PS-Motor, der den aktuellen 540-er ersetzt, profitiert ebenfalls von zusätzlichen 100 Nm maximalem Drehmoment, also 2800 statt 2700 Nm. Zudem ist das Drehzahlband auf 900 bis 1400 U/min erhöht worden. Was die Motoren mit 420 und 460 PS betrifft, ist ihre maximale Drehzahl im Vergleich zu den 410- bzw. 450-PS-Motoren um 150 Nm höher.

Noch wirtschaftlichere Motoren

Um die Performanz der Motoren aufgrund der verbesserten niedrigen Drehzahlbereiche nachvollziehen zu können, forderte der Demo-Fahrer uns auf, die Versuchsstrecke zu verlassen. Wir begaben uns zu einem runden Areal, auf dem das Verhalten eines Lastwagens im Kreisel ausgetestet werden kann. «Unser» 560 Super Testfahrzeug absolvierte ihn meisterlich, wobei das neue Getriebe Opticruise G33 die Hauptarbeit tat. Es schaltete automatisch erst in den fünften Gang, als man aus dem «Kreisel» herausfuhr. Im Gegensatz zum Scania 500 der aktuellen Baureihe, den wir steuerten, verfügte dieser 500 Super über traditionelle Rückspiegel, und es fiel dabei auf, wie gross der tote Winkel war, den sie schafften. Da bedauerte man sofort, keine Rückspiegelkameras zu haben. Man gewöhnt sich tatsächlich sehr schnell an des bessere Sichtfeld, das diese Kameras einem ermöglichen. Hierzu muss man erwähnen, dass die Rückspiegel-kameras im Windkanal getestet wurden um ihren Luftwiderstand zu reduzieren. Das heisst, dass auch sie zur Verbrauchsreduzierung beisteuern. Die Hauptursachen der Treibstoffeffizienz sind aber die neuen Motoren, die, nebenbei erwähnt, alle auch mit hydriertem Pflanzenöl (HVO) laufen. Und die Varianten mit 460 und 500 PS funktionieren auch mit Biodiesel. Die neue Motorenbaureihe der vier Leistungsstufen 420, 460, 500 und 560 PS kann zudem mit der neuen Dekompressionsmotorbremse (Compression Release Brake CRB) kombiniert werden. Die Dekompressionsbremse ist nichts anderes als ein Hilfsbremssystem, das optional erhältlich ist. Alle vier Testfahrzeuge der Variante Super, die wir sowohl auf dem Testparcours als auch im Verkehr zwischen Södertälje und Järna südlich von Stockholm gefahren haben, waren damit ausgerüstet.

Retarder ist verzichtbar

«Dank der CRB brauchen viele Sattelschlepper keinen Retarder mehr, solange sie nicht zu steile Gefälle meistern müssen», erklärte der Demo-Fahrer. «Also benützen Sie sie auf dieser Abfahrt ruhig wie einen Retarder!» Tatsächlich verzögerte «unser» Scania 560 6×2 auf der Bergabstrecke völlig ausreichend – immerhin handelte es sich dabei um einen sehr langen Sattelzug mit insgesamt sechs Achsen, wobei der dreiachsige Doll-Auflieger mit einer ziemlich grossen mobilen Arbeitsbühne beladen war. Die schwedische Rampe war natürlich nicht zu vergleichen mit derjenigen auf der Autobahn zwischen Châtel-St-Denis (FR) und Vevey (VD), aber die Demo war auf jeden Fall überzeugend. Das CRB-System bringt immerhin eine Verzögerungsleistung von 470 PS, obwohl es nur sieben Kilos wiegt. Es ist ebenfalls Teil der Schlankheitskur, der man den Scania Super unterzogen hat. Die neuen Motoren, die neuen Opticruise-Getriebe G25 und G33 sowie die neue Hinterachse R 756 sind alle noch einmal etwas leichter als diejenigen der Scania «Next Generation», die vor fünf Jahren vorgestellt wurde. Alle tragen auch zu der Tatsache bei, dass die neuen Super-Modelle acht Prozent weniger Treibstoff als vergleichbare Modelle der aktuellen Baureihe verbrauchen sollen. Dasselbe gilt auch für das modulare Fahrgestellsystem MACH (Modular Architecture Chassis), dessen Layout sehr flexibel ist, und auch für die Tanks in neuartiger D-Form.

Aber was bedeutet das überhaupt: acht Prozent Treibstoffersparnis? «Das heisst rund 3000 Liter weniger Treibstoff für einen 36-Tonner, der in zwölf Monaten 130 000 Kilometer abspult. Und um die 3000 Liter zu visualisieren, haben wir 15 Zweihundertliter-Ölfässer in unserem Ausstellungsraum aufgestellt», schloss Luana Fernandes, Produktmanager bei Scania.

Die Treibstoffersparnis geht natürlich auch Hand in Hand mit weniger Lärmemissionen. Das ist eine der Erkenntnisse, die wir auf dem Rückweg von Järna nach Södertälje hatten – am Ende einer Fahrt über 37 Kilometer am Steuer eines knallgelben Scania 540S der aktuellen Baureihe. Er ist nur unwesentlich lauter als der 560 Super, den wir auf der Hinfahrt testeten. (Laurent Missbauer)

Der L75 Super im Scania-Museum war 27 Jahre in der Schweiz in Betrieb

Der Namenszusatz Super der neuen Scanias würdigt die lange Erfolgsgeschichte der Marke mit dem Greif. Sie verwendete den Namen Super im Jahr 1961. Damals verbaute Scania das erste Mal einen von einem Turbokompressor aufgeladenen Motor in einem Scania-Vabis L75. Dank der Aufladung konnte die Leistung des Sechszylindermotors DS10 von 165 auf 205 PS gesteigert werden. Damit hatte der L75 Super sofort Erfolg auf dem Markt. Der Name Super im Schriftzug war der ganze Stolz vieler Chauffeure. Auch in der Schweiz. Der L75 Super im Scania-Museum in Södertälje (Bild rechts) ist übrigens genau der, welchen die Aargauer Firma Hauri in Seon 1962 angeschafft hatte. Das Unternehmen benutzte ihn bis 1989, bevor er restauriert und zu seinem Ursprungsort zurückgebracht wurde. Heute steht er neben einem Scania LBS 140 (1972), ebenfalls mit Super-Schriftzug. Sein V8 Turbo mit Direkteinspritzung, der 1969 vorgestellt wurde, leistete 350 PS – für diese Zeit unheimlich viel Power, sodass er den Namen Super zu Recht trug. (L. M.)

Super-Baureihe: neue Motoren mit zwei oben liegenden Nockenwellen

Luana Fernandes (Foto), Produktmanager bei Scania, kann ihre Begeisterung über den neuen Antriebsstrang des Scania Super kaum verbergen. Die Ingenieurin stammt aus Sao Paulo (Brasilien) und arbeitet seit fast einem Jahr bei Scania. Sie betonte, dass die neue Motorbaureihe von Scania «nicht nur mehr verfügbare Betriebszeit, sondern auch eine längere Lebensdauer und ein geringeres Gewicht» ermöglicht. Ihr Kollege Magnus Henrikson, Chefingenieur im Bereich Scania Inline-Motoren, betonte seinerseits, dass es nur möglich gewesen sei, die Leistung der Motoren und gleichzeitig ihre Effizienz zu steigern, indem ein völlig neuer Motor mit zwei oben liegenden Nockenwellen und Vierventiltechnik (Foto) entwickelt wurde, kombiniert mit dem Twin SCR-System zur Abgasreinigung. Zu erwähnen ist in diesem Zusammenhang auch die optionale Dekompressionsmotorbremse (CRB), mit der man wohl in vielen Fällen auf den Retarder verzichten kann. (L. M.)

3000 Liter weniger Dieselverbrauch eines Scania Super, der 130 000 Kilometer im Jahr fährt.
Am Steuer des 560S: Er transportierte eine grosse Hebebühne auf Rädern. Sein Bremssystem CRB überzeugte uns vollumfänglich.
Scania ermöglichte uns, Fahrzeuge der neuen Baureihe Super mit denen der aktuellen Baureihe zu vergleichen.
Traditionelle Rückspiegel sorgen dafür nach wie vor für viele tote Winkel!
Nicht ideal: Die Kamera (links) nimmt dem Chauffeur einen Teil des Sichtfeldes.
Am Steuer des Scania 560 Super: Im Vergleich zum aktuellen 540 verfügt der 560 Super über ein höheres maximales Drehmoment von 2800 statt 2600 Nm.
Rückspiegelkamerasystem: Es ist auf Höhe der Unterkante der Seitenscheiben montiert.
Test mit dem neuen Scania 500 Super durch den Kreisel: Im Vergleich zum Vorgänger mit 500 PS nutzt derjenige der Baureihe Super ein um 100 Nm höheres maximales Drehmoment (2650 statt 2550 U/min). Es steht schon von nur 900 bis 1320 U/min zur Verfügung.