Foto

Mitten im Nebel: Wir haben den Mercedes-Benz Sprinter Travel 75 auf der Strecke Winterthur-Schwägalp und zurück getestet, 174 km in 4 Stunden und 26 Minuten Fahrzeit.

Reisen – im Sprinter Travel 75 geht das fast wie im grossen Luxusbus

Das Quartett der Sprinter-Minibusvarianten ist perfekt: Zum City 75, dem Transfer und dem Mobility stiess 2019 auf der Busworld der Sprinter Travel 75, der verzögerungsbedingt durch Corona erst im Juni 2020 markteingeführt wurde und den wir jetzt testfahren konnten. Trotzdem: Er ist «brandaktuell».

Um ihn ein bisschen zu fordern, war der neue Minireisebus bis zur Gesamtgewichtsgrenze auf 6,8 Tonnen ausgeladen, und er musste die grösstenteils Landstrassenroute vom neuen Evobus-Standort in Winterthur bis auf die Schwägalp SG (1300 m) und retour bewältigen – rund 174 Kilometer in 4,26 Stunden reiner Fahrzeit und mit einem Durchschnittsverbrauch von 17,2 Litern, um dies vorwegzunehmen. Der Minireisebus ist für kleine Gruppen, exklusive Reisen oder VIP-Einsätzen konzipiert.

Sein Anblick macht vor allem im Profil was her: elegante Linienführung der schwarzen Seitenverglasung, aerodynamische Sprinterschnauze, glatte, windschlüpfrige Karosserieverkleidung. Über die Farbgebung «Iridium Silber Metallic» lässt sich streiten, vor allem in nebligen Verhältnissen, wie sie nun mal im November herrschen. Aber eine gewisse Eleganz ist unbestreitbar.

Es geht los

Durch die Fahrertür nimmt der Chauffeur im Sprinterfahrerhaus, das alles ist, was vom ursprünglichen Sprinter-Fahrgestell übrig ist, auf einem verstellbaren Schwingsitz Platz. Der Passagierteil ist ein veritables Busgerippe mit luftgefederter 4,8-Tonnen-Achse und 18 Sitzplätzen, die im Testwagen mit wassergefüllten Dummies bestückt waren (Gewicht!).

Chauffeure oder Chauffeusen sehen sich mit der Instrumentierung aus der Mercedes-Benz-Autowelt konfrontiert, die vom aus der Nutzfahrzeugwelt bekannten Retarderhebel komplettiert wird. Das neueste Element auf dem Multifunktionslenkrad: eine «touchfähige» Bedieneinheit, ganz nach dem Motto «Wisch und weg». Natürlich gibt es auch ein eigentliches Touchpad.

Fahrgäste indes lassen sich auf Travel Star Xtra-Sitzen nieder, auf der linken Seite vor der Rückbank sogar in Vis-à-vis-Bestuhlung mit Tischchen. Ach ja, der Einstieg durch die 85 Zentimeter breite Fahrgast-Glastür über zwei Stufen: Corona geschuldet war im Testbus eine Metallsäule mit Desinfektionsflasche installiert. Und: Es gibt Aktivfilter in der Klimaanlage, die Covid-19-Viren gnadenlos den Garaus machen – seit Sommer 2021 auch für Minibusse.

Mit den Pw-Instrumenten ist man schnell vertraut, etwas länger dauert es, Menüs aufzurufen, die etwa den Durchschnittsverbrauch oder andere fahrerrelevante Informationen (und viele andere mehr) preisgeben. Ganz wie ein Pw fährt sich der Travel 75 indes nicht unbedingt, das Gewicht, die Länge, fast 8,5 Meter, der Radstand von über fünf Metern und der relativ weite Wendekreis (17,7 m) erinnern schnell daran, dass es sich fahrerisch um bei Weitem mehr als nur einen langen Lieferwagen handelt.

Motor: durchzugsstark

Der 190 PS starke Sechszylinder des Testwagens versprach Fahrfreude pur, er ging sehr souverän mit den 6,8 Tonnen Gesamtgewicht um und trieb den Minibus klaglos über kurvenreiche Streckenabschnitte durchs Tannzapfenland bis hinauf zur Schwägalp-Höhe. Bergauf genehmigte er sich etwas mehr Diesel (22,8 Liter), als der Durchschnittsverbrauch am Ende insgesamt verriet. Viele Schaltvorgänge waren da nötig, aber die absolvierte das siebenstufige Wandler-Automatikgetriebe 7G-Tronic Plus ruckfrei und klaglos. Komfortabler geht es fast nicht. Bergab half der Telma-Retarder (370 Nm), die Fuhre, wo nötig, dauerhaft und verschleissfrei abzubremsen, wobei man da – wegen dazu nötiger höherer Drehzahlen – auch den Motor zu hören bekam, vor allem in den vorderen Sitzreihen. Die grosse Panoramafrontscheibe erlaubt guten Durchblick für Fahrer und Passagiere, nur das etwa 25 × 25 cm grosse Modul in der oberen Hälfte, das diverse Optiken und Sensoren enthält, stört die sonst ungetrübte Aussicht. Apropos Sensoren: Der Travel-75-Testwagen war mit allen verfügbaren ausgerüstet, darunter waren die MB Distronic oder der Seitenwind-Assistent, nur einen Totwinkel-Assistenten gibt es hier nicht.

Sehr gute Ausstattung

Apropos Travel-75-Konfiguration: Es ist erstaunlich, wie viele Ausrüstungsdetails bereits in der Serienvariante enthalten sind. 118 Ausstattungsmöglichkeiten stehen auf der Liste, davon sind 70 serienmässig erhältlich. Der erwähnte Retarderhebel ist allerdings eine kostenpflichtige Option. So wie das MBUX-Multimediasystem. (Hans-Peter Steiner)

Daten und Fakten

Testfahrzeug: Sprinter Travel 75
Sitzplätze: 18+1+1
Motorisierung: OM 642 DE 30LA, V6
Leistung kW/PS: 140/190 bei 3800 U/min
Hubraum (cm3): 2987
Max. Drehmoment (U/min): 440 Nm bei 1400–2400
Getriebe: Siebengang-Wandlerautomatik 7G-Tronic Plus
Bremssystem: Retarder Telma 370 Nm
Gewicht (kg/zul. GG): 6800
Vorderachse (kg): 2100
Hinterachse (kg): 4800, zwillingsbereift
Länge / Breite / Höhe (mm): 8486/2075 hi (2020 v.)/2920
Einstiegshöhe (mm): 330–340
Fahrgasttür (Breite, mm): 850
Radstand (mm): 5100
Überhang v./hi. (mm): 1021/2370
Wendekreis (m): 17,7
Kofferräume Heck/seitlich (m3): 2/0,6
Tank (l): 71

Gepäck-Stauräume: Kofferraum im Heck sowie zwei seitliche Stauräume.
Armaturen: wie aus dem Personenwagen, zentraler Monitor, Multifunktionslenkrad mit Leder und Retarderhebel rechts vom Lenkrad.
Gesamtansicht im Profil mit dem Säntis im Hintergrund.
Das Sensormodul im Sprinter ist mittig in der Frontscheibe platziert.
Im hinteren Teil des Sprinter Travel 75: Sitzgruppe mit vis-à-vis angeordneten Sitzen.
Mitten im Nebel: Wir haben den Mercedes-Benz Sprinter Travel 75 auf der Strecke Winterthur-Schwägalp und zurück getestet, 174 km in 4 Stunden und 26 Minuten Fahrzeit.