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Das Schweizer Fernsehen war im Verkehrshaus in Luzern zu Gast, um die Weltpremiere der beiden neuen 40-Tonnen-Elektro-Lastwagen zu sehen.

Futuricum-FH: Der elektrische Lastwagen für den Fernverkehr ist da

«Zwei Elektro-Fahrzeuge, welche die Welt noch nicht gesehen hat», sind Mitte Oktober im Verkehrshaus Luzern der Öffentlichkeit präsentiert worden. Die 900-kWH-Sattelschlepper «Futuricum-FH» von Galliker und Friderici Spécial wurden von der Designwerk-Gruppe (Winterthur) aufgebaut.

Nun ist auch der elektrifizierte Fernverkehr keine Zukunftsmusik mehr, gar «eine Revolution der Transportlogistik»: Die «Pioniere» Galliker und Friderici Spécial schicken ab sofort je einen Dreiachs-Sattelschlepper mit 40 Tonnen Gesamtgewicht auf Tour. Nach einer Fahrt mit seiner neuen elektrischen Sattelzugmaschine (37 t GG) über den Julierpass seien Peter Galliker am Steuer Tränen in den Augen gestanden, weil – es funktioniert. Acht weitere E-Trucks hat Galliker bereits bestellt. Im Jahr 2030 sollen 50 Prozent seines Fuhrparks CO2-neutral rollen.

Das Projekt wäre ohne Partner nicht möglich gewesen, sagte Designwerk-Pressesprecher Christian Mascarenhas bei der Präsentation der beiden mächtigen Trucks samt Aufliegern im Verkehrshaus Luzern. Die Idee dazu sei bei einem Glas guten Weines entstanden, so Tobias Wülser (Leitung Industrial Design und Mitbegründer von Designwerk). «Wir wollten Kilometer fahren, nicht nur Kehricht sammeln», präzisierte er das Ziel von Designwerk, das die Lastwagenszene zunächst mit elektrifizierten Müllfahrzeugen (26 t GG) bereichert hatte (SWISS CAMION 4/2017) und inzwischen an die 80 verschiedene E-Trucks in der Schweiz auf die Räder gestellt hat. Doch damit nicht genug: «250 Kilometer waren keine Option.» Die ersten Gespräche zum Projekt fanden bereits im Dezember 2020 statt. Mehr Kilometer, mindestens das Doppelte, also 500 km, sind nun möglich, nicht nur wegen der modernsten Batteriegeneration, sondern auch, weil das Bundesamt für Strassen Astra ausnahmsweise einen Meter mehr Länge sowie zwei zusätzliche Tonnen Nutzlast für dieses Fahrzeug genehmigt hat. Das brauchte es – hinter den Kabinen der dreiachsigen «Futuricum FH» türmen sich Batterien, die ungefähr einen Meter Platz auf dem Sattelschlepper beanspruchen und auch gehöriges Gewicht mitbringen – laut Hersteller 5440 Kilogramm.

Während die E-Sattelzüge bei Galliker in der Food-Logistik eingesetzt werden, hat Friderici Spécial mit dem Baumaschinenlieferanten Avesco Rent einen Liefervertrag geschlossen. Avesco hat festgestellt, dass «45 bis 50 Prozent unseres CO2-Footprints allein durch den Transport der Baumaschinen entstehen. Unsere Kunden wollen, dass wir die Maschinen CO2-neutral anliefern.» Die elektrischen Dreiachs-Schlepper leisten umgerechnet um die 680 PS. «Wir haben sie gedrosselt, über 1000 PS wären problemlos möglich», sagte Tobias Wülser, «aber das vertragen Achsen und Getriebe nicht.» Ein Dreiachs-Futuricum ist wegen der Batterien (4 × 225 kWh) erheblich teurer als ein konventioneller Diesel-Lw, immer abhängig von der Batteriegrösse, aber dafür bezahlt der Unternehmer (noch) keine LSVA, hat niedrigere Betriebskosten und die Lebensdauer der Batterien übertrifft die des Lastwagens bei Weitem, der ungefähr zehn Jahre hält. «Im laufenden Betrieb ist der E-Truck um etwa 80 % günstiger als ein Diesel.» Die Ladezeit der Batterien, die heutzutage bereits zu 96 Prozent rezyklierbar sind und nach zehn Jahren immer noch 80 % ihrer Leistung bringen, soll mit einem Schnellladegerät (CCS Typ 2150 kW) für die Reichweite von 350 Kilometern etwa zweieinhalb Stunden betragen, 80 Prozent Ladung sind nach etwa vier Stunden eingespeist (Herstellerangaben). Doch Zeit ist Geld für einen Transportunternehmer. Ist also eine Ladezeit von 45 Minuten für 500 km Reichweite möglich? «Wir arbeiten dran», so Tobias Wülser. (Hans-Peter Steiner)

200 Futuricum pro Jahr

Futuricum ist die Marke der Designwerk Products AG (Sitz: Winterthur, gegr. 2007) für elektrische Nutzfahrzeuge. Im Mai 2021 hat die Volvo-Gruppe 60 Prozent der Designwerk Technologies AG übernommen. Designwerk stellt auch mobile Schnellladestationen und Hochvolt-Batteriesysteme her. «Derzeit bauen wir etwa acht Fahrzeuge im Monat, ab 2022 sollen es 14 sein. Im Moment schränkt uns die Materialknappheit noch etwas ein», so Frank Loacker (Leiter Designwerk Technik). «Unser Produktionsziel sind 200 E-Lastwagen pro Jahr.» Kürzlich hat Designwerk mit dem Futuricum den «Green Business Award» gewonnen, im Sommer wurde mit dem Futuricum-FH der Langstreckenrekord mit einem E-Lastwagen (ohne Zwischenladung) aufgestellt. (hps)

«Ein solcher E-Lastwagen kostet sechs Mal so viel wie ein vergleichbarer Diesel»

Ein Grund, weshalb das Transportunternehmen Friderici Spécial in Tolochenaz (VD) einen zu 100 Prozent elektrischen 40-Tonner angeschafft hat, ist der Wunsch eines seiner Kunden, der Avesco Rent in Puidoux (VD). «Wir sind nicht nur im Baumaschinen-Verleih tätig, sondern auch im Bereich der Vermietung von Infrastrukturen für Grossereignisse wie ganz besonders Sportanlässe, bei denen der CO2-Fussabdruck möglichst reduziert werden soll», erklärte uns Vincent Albasini, der Direktor von Avesco Rent (links auf dem Foto). Als Yves Mittaz, der Turnierdirektor des Golf-Opens von Crans-Montana (VS), des bedeutendsten Golfturniers Kontinentaleuropas, gegenüber Vincent Albasini erwähnte, dass etwa die Hälfte der CO2-Emissionen dieser Grossveranstaltung vom Transport der Sport- und VIP-Anlage verursacht würden, erwog Avesco Rent erstmals die Anschaffung elektrisch angetriebener Lastwagen. Konkret wurde dies am 6. Oktober, als ein Futuricum-Truck bei Friderici Spécial ausgeliefert wurde, der seit Mitte Oktober bei Transporten für Avesco Rent zwischen Basel und Puidoux eingesetzt wird. «Es handelt sich dabei um zwei Hin- und Rückfahrten pro Tag, fünf Tage die Woche, und das mindestens fünf Jahre lang», präzisierte uns Clément Friderici, Direktor von Friderici Spécial (rechts im Bild). «Eine Partnerschaft mit Avesco Rent, mit der wir schon über 15 Jahre zusammenarbeiten, war unverzichtbar, weil die Anschaffung eines Futuricum 6×2 sechs Mal so teuer kommt wie die eines vergleichbaren 6×2-Dieselfahrzeugs. Wir glauben, dass wir diese hohen Mehrkosten in etwa sechs Jahren amortisieren können», fügte Clément Friderici hinzu, der zusätzlich in einen zweiachsigen Auflieger des italienischen Herstellers Bertoja investiert hat. Dieser wurde eigens auf den neuen Futuricum mit 21 Tonnen Nutzlast abgestimmt. (Laurent Missbauer)

Nicolas Lang zeigt uns, dass das Volvo-Logo durch das Futuricum-Logo auf dem Lenkrad ersetzt wurde.
Der Chauffeur Nicolas Lang, hier am Steuer, fuhr den neuen Futuricum von Tolochenaz zum Verkehrshaus. Er hatte ihn bereits zwischen Maienfeld (GR) und Winterthur (ZH) getestet.
In Luzern, nach 220 km Fahrt von Tolochenaz aus, hatte der Futuricum noch 204 km Reichweite.
Der Futuricum hat ein spezielles Pedal für die Rekuperation, die Energierückgewinnung.
Das Schweizer Fernsehen war im Verkehrshaus in Luzern zu Gast, um die Weltpremiere der beiden neuen 40-Tonnen-Elektro-Lastwagen zu sehen.