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Kurz vor Schaanwald: Die wuchtige, 252 Tonnen wiegende Schwerlastkombination nähert sich der liechtensteinisch-österreichischen Grenze.

Der Tragseil-Tatzelwurm

Der höchste Berg Deutschlands, die Zugspitze (2962 m), bekommt eine neue Seilbahn – alles inklusive: Berg- und Talstation, Stahlstütze und Gondeln. Die vier Tragseile kommen vom Drahtseilwerk Fatzer (Romanshorn) aus der Schweiz, transportiert haben sie die Schwerlastspezialisten Feldmann und Wipfli.

 

Vier Fuhren waren nötig, um die jeweils 4,9 Kilometer Tragseile, aufgerollt auf zwei gigantischen «Bobinen» (Seilträgern), von Romanshorn CH nach Eibsee D, der Talstation der Bayerischen Zugspitzbahn, zu transportieren. SWISS CAMION war bei der zweiten «Fuhre» dabei, von Romanshorn über Buchs SG bis zum Zollamt Schaanwald FL. «Das ist ein sehr spezieller Auftrag für uns», sagte Marcel Guilbert (Bereichsleiter Transport, Feldmann Pneukran & Transport AG). Als aussergewöhnlich werden solche Spezial­transporte auch von der Öffentlichkeit wahrgenommen, zumindest wenn sie sich durch Dörfer und Städte winden, auf vorher sorgfältig ausgewählten Routen – die Menschen bleiben stehen und schauen. Der Verkehr übrigens auch.

252 Tonnen auf 86 Rädern

Man muss sich das einmal vorstellen: zwei Sattelschlepper, davon ein Vierachser (MB 4365 Titan, 650 PS) mit Elfachs-Tieflader (Goldhofer) und ein Fünfachser (MAN TGX 51.540) mit einem Vierachs-Nachläufer (Kraemer) mit Seitenträgerbrücke. In Rädern ausgedrückt heisst das: 86 (natürlich ohne Ersatzreifen). Auf diesen Rädern lasteten insgesamt 252 Tonnen. Wie viele Tonnen trägt dann ein Rad? Man rechne bitteschön selbst. Der grössere der beiden Seilträger ruhte auf einem eigens von Feldmann selbst konstruierten und von Goldhofer gebauten Bobinenbrücke, die zwischen den beiden Tiefgängermodulen zusammengebaut war. Die grosse Bobine allein wog rund 100 Tonnen. Die kleinere Bobine, rund 50 Tonnen, transportierte das Spezialfahrzeug von Wipfli, das mit einer Distanzstange direkt am Feldmann-Tiefgänger angekoppelt war. Das 72 Millimeter dicke Tragseil (29,75 kg/m), das beide Bobinen verband, lief über zwei speziell konstruierten Stahlböcke, einerseits über die hinteren sieben Achsen bei Feldmann und andererseits über das Fahrerhaus von Wipfli. «Die Firma Wipfli ist deswegen Partner von uns, weil sie über eine eigens ausgerüstete Seitenträgerbrücke verfügt, von der man die Bobine mittels Kettenantrieb selber ab- und aufrollen kann.»

Es begann schon bei Fatzer in Romanshorn: Die gesamte Transportkombination musste, nach dem Beladen am Vortag, am nächsten Morgen rückwärts aus dem Firmenareal auf die Kantonsstrasse (Hofstrasse) bugsiert werden. Für den Laien fast unvorstellbar, für die Spezialisten viel Routine: Strasse sperren, Männer an der Lenkhydraulik der Auflieger, Funkverbindung. Alles ging ruhig vor sich, ohne Geschrei. Ein Voraustrupp (ein Mann, ein Lieferwagen) sondierte die Lage am ersten Kreisverkehr in Romanshorn und an allen folgenden, montierte Hindernisse (Schilder) ab und hielt den Verkehr an. Schwertransportbegleitfahrzeuge tauchten auf und blockierten Fahrspuren. Der 54,4 Meter lange und drei Meter breite Tatzelwurm wälzte sich weit ausholend und jeden Millimeter der ersten Kreisverkehrsinsel ausnützend um die Ecke und wenig später unter einer Bahnüberführung hindurch. Hier zeigte sich der Sinn der gros­sen, oben abgeflachten Spezialbobine. Sie wurde beschnitten, damit sie nicht höher als 4,25 Meter in den Himmel ragte. Das reichte gerade so unter einer Eisenbahnüberführung hindurch … Polizeibegleitung? «Nicht nötig», meinte Marcel Guilbert. «In der Schweiz dürfen wir solche Transporte mit entsprechend geschultem Personal selber begleiten.» «Eigentlich hätten wir gerne ein Tragseil mit einem Transport transportiert. Abklärungen haben jedoch einen negativen Entscheid seitens Deutschland ergeben», meinte Marcel Guilbert. «Wir haben aber für die Fahrt durch Deutschland höhere Achslasten für die Zugmaschine bekommen – insgesamt 40 anstatt 35 Tonnen auf die Vierachs-Zugmaschine.» Die Distanzstange hätte er «gerne kürzer gehabt», weil das den Zug wendiger gemacht hätte, aber wegen diversen Brücken unterwegs, die mit nur einem Fahrzeug auf einmal befahren werden dürfen, musste sie länger sein.

Auf der Arbonerstrasse rollte der Transport langsam Richtung Autobahnauffahrt bei Arbon Süd, um dort in flottem Tempo über Meggenhus auf die A1/E60 Richtung St. Mar­grethen zu fahren. Oberhalb Rorschacherberg (Lincolnsberg) legten die Schwerlast­spezialisten eine Kaffeepause ein. Punkt 9 Uhr ging es weiter bis zur Autobahnabfahrt bei Buchs SG und über die Rheinbrücke Richtung Schaan FL. Die Liechtensteiner Polizei übernahm die Begleitung des Gespanns durch Schaan bzw. das Fürstentum bis zur Grenze. Schaan selber passierte der Transport langsam und vorsichtig, aber ohne Probleme, denn überall war genug Platz zum Ausholen, dank dem Voraustrupp, der etliche Hindernisse demontierte. Der Transport durch das Industriegebiet von Schaan bis Schaanwald zum Zoll war eine der eher leichteren Übungen für die Chauffeure. Der Transport kam etwa eine halbe Stunde früher als geplant am Zoll an, wo Marcel Guilbert die Verzollung erledigte. «Jetzt steht der Transport erst einmal bis Mitternacht. Dann geht es durch die Nacht weiter durch Österreich und Deutschland bis Eibsee.» Bis Hörbranz (Österreich) begleitete Ronald Mayerhofer vom staatlichen Strassenaufsichtsamt mit drei Begleitfahrzeugen und Blaulicht den Schwertransport. Das dauerte bis zur deutsch-österreichischen Grenze rund zweieinhalb Stunden. Danach übernahm die deutsche Polizei. «Die Strecke via Austria und Deutschland ist problemlos verlaufen. Wir waren gemäss «Marschplan» in der zweiten Nacht um 4 Uhr am Ziel», berichtete Marcel Guilbert später. Der vierte und letzte Transport ging am 8. Juni ab Romanshorn nach Eibsee. (hps)

Der «Seilzug»

«Das Tragseil wird durch die Firma Garaventa, Goldau gezogen. Der Start ist für August geplant. Der Seilzug dauert rund eine Woche pro Seil. Jedes Seil hat eine Länge von 4900 Metern, das Gewicht pro Seil beläuft sich netto auf 145 Tonnen. Das Tragseil kann (beim Ablad) schon mal den Boden berühren, jedoch werden Kanthölzer als Schutz untergelegt. Bei der Abwicklung ist das Seil mehrheitlich in der Luft, für diesen Arbeitsvorgang haben wir Hebegeräte im Einsatz. Bei der Bobine vom Wipfli ist ein Antrieb montiert, der kann also Seil nachlassen und auf der Bobine im Bock ist ein Antrieb montiert, der zieht das Seil auf die Bobine, die bei Feldmann geladen war. Der ganze Ablad (Fotos rechts) dauert rund viereinhalb Stunden.» (Marcel Guilbert)

Eine neue Zugspitzbahn

Deutschlands höchster Berg bekommt eine neue Seilbahn. Hersteller: Garaventa AG. Ein Projekt, das nicht nur bau- und seilbahntechnisch von einzigartiger Bedeutung ist, sondern auch in puncto Projektgrösse und -komplexität in die Unternehmensgeschichte der Bayerischen Zugspitzbahn eingehen wird. Zu den grössten Herausforderungen zählen die Höhenlage, die Wetterbedingungen auf knapp 3000 Metern sowie die exponierte Lage der Baustelle und das Thema Logistik. Bei der neuen Seilbahn handelt es sich auch wie bisher um eine Pendelseilbahn (120–ATW) über eine Länge von 4466,90 Metern. Streckenverlauf und Lage von Tal- und Bergstation bleiben weitgehend gleich. Ansonsten sucht die neue Seilbahn weltweit ihresgleichen und kann gleich mit drei Rekorden aufwarten: Mit 127 Metern der weltweit höchsten Stahl­baustütze für Pendelbahnen, dem weltweit grössten Gesamthöhen­unterschied von 1945,25 Metern in einer Sektion sowie dem weltweit längsten freien Spannfeld über 3213 Meter. Sie soll mit 10,6 m/s 580 Personen in der Stunde transportieren, in die voll verglasten Kabinen (CWA Constructions SA) passen 120 Fahrgäste (plus ein Fahrgastbegleiter). Das Tragseil kommt von der Fatzer AG Wire Ropes in Romanshorn. Eine zentrale Rolle im Architekturkonzept für die neue Seilbahn spielt der Werkstoff Glas. Schon in der Talstation (998,5 m.ü.M.) hat der Zugspitzbesucher künftig freie Sicht auf den Eibsee und die Zugspitze. In der Bergstation kommen Besucher ab Dezember 2017 in den Genuss vollverglaster Bahnsteige. (pd)

Wipfli-Schubfahrzeug: Gut zu erkennen – die Schubstange und das Tragseil über der Kabine.
Ablad in Eibsee D: Rechts beim Abrollen von der Bobine und der Vorbereitung des Seilzugs.
Ablad in Eibsee D: Am 8. Juni wurde das letzte Tragseil angeliefert.
Unterführung: Die Bobine passt grade so durch.
Voraustrupp: Lorenz Füglister kümmert sich um die freie Bahn für den Schwertransport.
Traktion: An der Adhäsionsgrenze raucht es.
Zwischenhalt: Der Zug steht, kurz bevor es auf die Autobahn Richtung Buchs SG geht.
Kaffeepause (v. l.): Daniel Bernhard (Chauffeur Feldmann), Pascal Jud (Chauffeur Feldmann), Lorenz Füglister (Voraustrupp Feldmann), Philipp Wipfli (Chauffeur Wipfli), Simon Bissig (Chauffeur Wipfli), Marcel Guilbert (Projektleiter Feldmann), Ronald Mayerhofer (Strassenaufsicht Staat Österreich).
Kurz vor Schaanwald: Die wuchtige, 252 Tonnen wiegende Schwerlastkombination nähert sich der liechtensteinisch-österreichischen Grenze.