Chauffeuren-Mangel: Zahlt bessere Löhne!

In Grossbritannien bleiben Tankstellen leer. Auch Detailhändler schaffen es nicht mehr, ihre Gestelle zu füllen. Die Waren sind zwar vorhanden, finden den Weg in die Läden aber nicht mehr. Es fehlen Chauffeure. Viele sind sich nicht bewusst, dass das gleiche wie in Grossbritannien auch hier in der Schweiz passieren könnte.

Wie in allen Westeuropäischen Ländern wurden in den letzten 15 Jahren auch in Grossbritannien Chauffeure vor allem in Osteuropa gesucht. Die Arbeit war vielfach zu schlecht bezahlt, als dass ein Einheimischer den Beruf ergriffen hätte. Mit dem Brexit wurde der Neuzugang aus dem Ausland gestoppt und auch gewisse andere Arbeitsbewilligungen wurden nicht mehr erneuert. Volk und Politik wollten den Brexit. Grund waren die andauernden Krisen in der EU, aber auch die fortschreitende Osterweiterung der EU und das damit verbundene Lohndumping. Das Volk hatte die Nase voll.

Mangelnde Zukunftsaussichten

In der Schweiz werden jährlich rund 5000 neue Chauffeure gebraucht. 3000 kommen aus dem Ausland, 250 machen die Berufslehre und der Rest kommt aus anderen Berufen. Umsteiger aus anderen Berufen sind aber häufig auch in der Bauwirtschaft oder im sonstigen Werkverkehr (nicht in der Transportwirtschaft) zu finden. Wer die Lehre als Transportfachmann (Chauffeur) macht, weiss nach kurzer Zeit, dass er sich als Chauffeur spezialisieren muss oder innerhalb der Branche andere Funktionen besetzen muss. Ansonsten wird er zu teuer.

Das Problem ist aber nach wie vor vorhanden. Der Nachwuchs im Strassentransport kommt aufgrund der mangelnden Zukunftsaussichten für einheimische Arbeitskräfte nach wie vor aus dem Ausland. Viele kommen als Grenzgänger und müssen ihre Familien im Heimatland belassen, da sie die hohen Lebenskosten in der Schweiz nicht bestreiten können. Chauffeure aus Osteuropa arbeiten in der Schweiz ab Fr. 4000.– pro Monat, abzüglich Unterkunft. Ein Einheimischer braucht mindestens Fr. 5000.–, um schlecht über die Runden zu kommen. Andere Berufe liegen bei vergleichbarer Verantwortung und Einsatz bei Fr. 6000.– und haben nie und nimmer 200 Arbeitsstunden pro Monat.

EU wird Problem nicht lösen

In Europa ist zu hören, dass der Chauffeuren-Mangel nur mit wesentlichen Verbesserungen für den Berufsstand zu beheben sei. Die Erfahrung zeigt aber, dass die EU schneller erweitert wird, als dass die Zustände besser würden. In Osteuropa werden derzeit Chauffeure in den angrenzenden nicht-EU-Ländern gesucht. Ukrainer und Weissrussen sind inzwischen im europäischen Transport häufig zu finden. Die EU wird zudem bei Gelegenheit wieder neue Länder aufnehmen. Das Problem wird nicht mit Verbesserungen für Chauffeure gelöst. Die EU wird schneller neue Länder aufnehmen oder Regelungen für Arbeitsbewilligungen finden, als dass das Problem zugunsten der Chauffeure geregelt würde.

Schweiz hat Grenzen weit offen

In der Schweiz wurde 2014 die Zuwanderungsinitiative angenommen. Grund für die Annahme war ebenso, dass mit der Personenfreizügigkeit innert sehr kurzer Zeit viele Personen aus dem Ausland eingewandert sind. Die führte zu starker Nutzung von Strassen, öffentlichem Verkehr und anderen In-frastrukturen, zu Wohnungsknappheit, aber auch zu Lohndruck. Die Stimmung war vergleichbar mit Grossbritannien. Die Initiative wurde dann aber nur stark verwässert umgesetzt. Die Schweiz hat mit der Personenfreizügigkeit die Grenze wesentlich weiter offen als Grossbritannien. Auch wenn die nachfolgende Begrenzungsinitiative abgelehnt wurde, ist das Thema noch nicht vom Tisch. Zuwanderung und Lohndumping sind nach wie vor ein Problem.

Der ASTAG fehlt der Wille

Die ASTAG zählt nach wie vor darauf, dass Nachwuchs vor allem im Ausland rekrutiert werden kann. Die grossen Detailhändler wie MIGROS, Coop, Aldi und Lidl sind sich nicht bewusst, dass das gleiche wie in Grossbritannien auch hier in der Schweiz passieren könnte. Wir haben mit der ASTAG seit rund 15 Jahren eine Vereinbarung betreffend Arbeitsbedingungen, die aber einige wesentliche Schwächen hat. Die ASTAG ist seit Jahren nicht bereit, einen gesamtschweizerischen, allgemeinverbindlichen Gesamtarbeitsvertrag zu verhandeln. Es ist auch der ASTAG bekannt, dass Anstellungsbedingungen, Arbeitszeiten und Lohnniveau schlecht für das Image der Branche sind. Trotzdem fehlen der Wille und die Kraft, wesentliche Verbesserungen umzusetzen.

Es wäre auch in der Schweiz eine Schande für die Transportwirtschaft, wenn das Militär für die Landesversorgung eingesetzt werden müsste. (David Piras)