Auf Löwenpfoten über den Bözberg

Man kann ihn schon bestellen, den MAN TGX der «New Truck Generation», die nichts anderes als eine für 2022 aktualisierte Version des 2020 lancierten neuen TG-Reihe ist. Wir fuhren das Modell TGX 18.510 mal probehalber.

Ein Auto-Journalist, der seinen «Viewern» im Internet den neuen TGX als «Riesen-Trumm» vorstellte, hatte nicht mal so unrecht: Die luftgefederte GX-Kabine erhebt sich turmartig vor dem, der ihn fahren möchte. Wir bestiegen ihn also in Otelfingen bei MAN Schweiz (AG), ganz zum Winterwetter passend in schlicht-grauem Anzug (der Truck natürlich): die Pw-Modefarbe ist nun auch beim MAN-Nutzfahrzeug angekommen und heisst da «MAN Stone Grey 100 Years Edition». Das kann einem aber egal sein, wenn man sich im Fahrerhaus hinter dem auf wirklich jede Fahrer-Physiognomie noch besser anpassbaren Lenkrad niedergelassen hat.

Optimiertes Sehen

Und schon geht es weiter mit dem Neuheiten: Spiegel einstellen entfällt, dafür gibt es jede Menge Kameras, auch für die Fahrzeugfront und als Rampenspiegelersatz. Doris Rindlisbacher, Profidrive & Solutions Manager bei MAN Schweiz, warnte: «Du siehst mit der MAN OptiView viel mehr als vorher. Das ist erstmal gewöhnungsbedürftig.» Klar, man sieht besser aus den Seitenscheiben, ungestört von einem sperrigen Spiegelgehäuse, was beispielsweise beim Durchfahren eines Kreisverkehrs von Vorteil ist. Und man sieht noch mehr in den grossen Monitoren an den A-Säulen, welche aus verschiedenen Optiken aufgenommene Ausschnitte zeigen, die zu einem grossen Bild zusammengesetzt sind. Denn: In jede Rückspiegelkamerahülle sind zwei Objektive eingebaut – Nah- und Weitwinkel, die alles, aber wirklich alles links und rechts des Sattelzugs sichtbar machen. Zudem gibt es integrierte gelbe Hilfslinien, die das Ende das Aufliegers zeigen und dessen erste Achse. Das sollte sich später, beim Rückwärtsmanövrieren und beim Ab- und Aufsatteln, das zum Betanken des Trucks notwendig war, als äusserst hilfreich erweisen. Aber auch die gesamte, rund 125 Kilometer lange Testtour verlief unter dem Rückspiegelregime: Man schaute irgendwie gefühlt häufiger hinein, als man das mit konventionellen Spiegeln getan hätte. Zudem entfällt, auf engen Passagen, die Rückspiegelabriss-Angst.

Beim Rundgang vor dem Start noch schnell mit dem Zündschlüssel die Lichtkon-trolle durchlaufen lassen – Blinker, Bremslicht, Rückfahrscheinwerfer, Nebellicht, Warnblinker – alles gut. Man fährt also los: Dazu dreht man nach der Sitzjustierung den Zündschlüssel, wie früher, nichts Neues, und der Sechszylinder springt an. Gänge bzw. das D(rive)-Kommando werden am rechten Lenkstockhebel aktiviert, der auch noch Retarderhebel ist. Sehr praktisch. Schon beim Losrollen spürt man das Fahrwerk, der MAN schleicht wie auf weichen Löwentatzen. Bereits die erste Kurve fährt sich wie Butter, das ist der Komfortlenkung zu verdanken, die MAN eingebaut hat und sie «ComfortSteering» nennt. «Lenkarbeit» wird zum Vergnügen: selten so präzise durch Kurven, Kreisverkehre und um Ecken gecruist.

Und die Geraden? Da kommt eine Kamera hinter der Frontscheibe zum Einsatz, das heisst, wenn sie aktiviert ist. Sie ist Teil des Fernverkehrsassistenten, der aus Spurwechsel-Kollisions-Vermeidungs-Assistent und Stauassistent besteht. Auf Deutsch: Das Fahrzeug wird in der Fahrspur gehalten, weil die Kamera die weissen Linien liest. Dies wiederum löst Impulse aus, die einen direkten Lenkeingriff bewirken, und das spürt man deutlich, ohne dass es lästig wird. Das ist vor allem dann praktisch, wenn der Fahrstreifen sehr eng ist, wie auf manchen zweispurigen Kantons- oder Landstrassen etwa, oder in Autobahnbaustellen. Zudem entfällt auf engen Passagen beim Kreuzen mit anderen Lastwagen die «Rückspiegelabriss-Angst», weil die Rückspiegel eben fehlen und weil die Fuhre genau zentriert in der Fahrspur rollt. Nimmt man die Hände weg vom Lenkrad, protestiert der Löwe. Wir waren beim Motor (Euro 6d): 510 PS und 2600 Nm Drehmoment verliehen dem TGX die für die Testtour notwendigen Reserven – Bözberg und Staffelegg lassen grüssen. Er ist leise, und sein automatisiertes TipMatic-Schaltgetriebe werkelt seidenweich. Scheinbar gibt es keinen Kraftschlussunterbruch. SmartShifting nennt das MAN. Für «Efficient Roll» zum «dynamischen Segeln» gab es auf der Testfahrt keine Gelegenheit – zu viel Verkehr oder zu steile Gefälle. Deshalb konnte diese Fahrhilfe nicht zur Treibstoffersparnis beitragen. Der D2676 der neuesten Generation ist laut Hersteller 70 Kilo leichter als der Vorgänger, und er soll auch bis zu 3,7 Prozent sparsamer sein, aber das konnten wir auf der Testrunde nicht so unterschreiben. Er genehmigte sich auf der 124,6 Kilometer langen Strecke inklusive diverser Wendemanöver und der Fotosession, aber auch aufgrund der kupierten Topografie, im Efficient-Modus 50 Liter Diesel bzw. im Durchschnitt 40,6 Liter.

Die Bedienelemente

Neben den Elementen auf dem reichlich ausgestatteten Multifunktionslenkrad, etwa für die Tempomat-Einstellung, ist hier das Doppeldrehrad auf der Mittelkonsole erwähnenswert, das in ähnlicher Weise aus manchen Pw vertraut sein dürfte (SmartSelect). Nur: Auf der Oberfläche des oberen Drehrades kann man sogar schreiben. Krakelig zwar, aber es er scheint doch ein Schriftzug auf dem zentralen Monitor. Wichtiger sind aber die vielen Funktionen, die man damit einstellen kann – von Multimedia bis Fahrzeugdaten usw. Das ist etwas, das eine gewisse Einarbeitung nötig macht und womit man sich lieber in Parkstellung beschäftigen sollte, keinesfalls während der Fahrt. Praktisch, in Ruhestellung, ist das flexible Bedienmodul für die Fahrzeugüberwachung: Mit ihm kann der Chauffeur vom Bett aus alle Kameras aktivieren, die ihm auf allen Monitoren rundum aufzeigen, ob sich jemand an seinem Fahrzeug zu schaffen macht.

Fazit: Der neue TGX ist wieder mal ein typischer MAN-Wurf, der sich nicht nur sensationell schön fährt, sondern der auch mit einer Menge durchdachter, zum Teil optimierten Assistenzsystemen aufwartet, welche die Arbeit des Chauffeurs erleichtern – nicht nur im Sinne des Fahrkomforts. Man kann einfach losfahren, ohne viel zu programmieren, oder aber gezielt eine von vier Eco-Stufen nutzen, um die Fahrt effizienter zu machen. Das einzige, was noch an früher erinnert, ist – der Zündschlüssel an der Lenksäule. (Hans-Peter Steiner)

Technische Daten

Typ: MAN TGX 18.510 4×2 BLS
Kabine: GX
Stehhöhe: 2070 mm
Motor: Sechszylinder Reihe D2676 Euro 6d
Hubraum: 12 419 ccm
Leistung: 510 PS / 375 kW bei 1800 U/min
Max. Drehmoment: 2600 Nm bei 930–1350 U/min
Getriebe: TipMatic 12.26 DD
Vorderachse: 7,5 t Starrachse, 1-Blatt-Parabel
Hinterachse: Hypoidachse mit wirkungsgradoptimiertem Achsgetriebe, 4-Luftbalg
Bremsanlage: MAN BrakeMatic, Scheiben rundum, Retarder / Exhaust Valve Brake, ABS, ASR
Systeme: OptiView, EfficientCruise 3, EfficientRoll, ACC, ACC Stop and Go, ComfortSteering, Cruise Assist, MAN Media System, SmartSelect
Sicherheitsausstattung: EBS mit ABS, ESS (Notbremssignal), ESP, Lane Guard System, Lane Return Assist, Continuos Damping Control, Emergency Brake Assist (nicht mehr abschaltbar), Abbiegehilfe, Spurwechselhilfe, Spurwechsel-Kollisions-Vermeidungs-Assistent.
Tank: 490 l

Man wählt die Gänge (N, D und R) am Hebel, der zudem auch als Bedienelement für den Retarder dient, was sehr praktisch ist.
Neu sind der Klapptisch und der grosse Bildschirm, auf dem die Bilder der rechten Rückspiegelkamera angezeigt werden.
Im Einsatz am Bözbergpass: Der neue MAN TGX fährt sich extrem sanft. Dank seiner «MAN ComfortSteering»-Lenkung wird die «Arbeit am Lenkrad» zum Vergnügen. Selten sind wir so präzise durch enge Kurven und Kreisverkehre gefahren.
Mit dieser Fernbedienung kann der Fahrer vom Bett aus alles überwachen, was um den Lkw herum passiert.
Das doppelte MAN SmartSelect-Rad: Man kann auf der Oberfläche des oberen Rads etwas schreiben und es auf dem mittleren Bildschirm lesen.
Von Anfang an spürt man die Effizienz des Fahrwerks des neuen MAN TGX, der sich wie ein Löwe auf seinen Beinen fortbewegt.
Das Einzige, was an früher erinnert, ist der Zündschlüssel auf der Lenksäule!
Bei dem MAN TGX 2022, den wir getestet haben, wurden die herkömmlichen Spiegel durch neue Kameraspiegel des MAN OptiView-Systems ersetzt. Die Kabine war vom Typ GX.