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Karin Rådström (r.), Vorstand der Daimler Truck AG, verantwortlich für die Marke Mercedes-Benz Lkw. Andreas von Wallfeld (l.), Leiter Marketing, Vertrieb und Services Mercedes-Benz Lkw.

Actros unter Strom

Mercedes-Benz bekennt sich eindeutig zur Elektrifizierung des «Produktportfolios»: Der eActros ging in Wörth Anfang Oktober in Serie, der «Wasserstoff»-Lastwagen für den Fernverkehr soll bis Ende 2027 marktreif sein. Mit den neuesten Dieselvarianten Actros F und L bleibt aber auch der Verbrenner im Programm.

Im Rahmen der «Kontaktauffrischung» mit der internationalen Fachpresse in Wörth bei Karlsruhe präsentierte der Lastwagenbauer unter dem Begriff «Shaping the Now & Next» gleich mehrere Neuheiten. «Wir haben euch vermisst, nachdem wegen Covid die IAA ausgefallen war und auch sonst keine Events stattfinden konnten», sagte Uta Leitner, Chefin Globale Kommunikation Trucks & Buses bei der Begrüssung im Mercedes-Benz Brancheninformations-Center BIC in Wörth einleitend.

Dann ging es auch gleich «in medias res»: Karin Rådström, seit Februar als CEO und einzige Frau im Vorstand der Daimler Truck AG verantwortlich für die Regionen Europa und Lateinamerika und die Marke Mercedes-Benz Lkw, sowie Andreas von Wallfeld, Leiter Marketing, Vertrieb und Services Mercedes-Benz Lkw, machten schnell klar, wohin die Reise bei den schweren Nutzfahrzeugen führt. Nicht ohne zu betonen, den Kunden künftig genauer zuzuhören und noch besser auf die individuellen Bedürfnisse einzugehen: «Denn wir haben viele unterschiedliche Kunden mit vielen unterschiedlichen Bedürfnissen.»

Ziel: CO2-neutraler Strassengütertransport

Die künftige Stern-Strategie ist klar: Elektrifizierung und damit Dekarbonisierung der schweren Klasse, auch der Fernverkehrsfahrzeuge, für die bisher der Diesel prädestiniert war und dessen Ende absehbar sein dürfte. Das «ultimative Ziel»: «Ein CO2-neutraler Transport auf den Strassen bis 2050». Zwei Technologien stehen im Vordergrund: der batterieelektrische Truck für Kurz- und Mittelstreckenverkehr inklusive dem E-Econic (ab 2022) sowie ein E-Langstreckenlastwagen (eActros Longhaul) mit bis zu 500 Kilometern Reichweite, aber auch der «Wasserstoff-Lkw» – der «GenH2-Truck» – für Überlandtransporte bis zu 1000 Kilometern (dual strategy). «2030 wollen wir mehr elektrische Lkw in Europa verkaufen als nicht-elektrische», betonte Karin Rådström.

Was ist mit dem Diesel?

Der Diesel bleibt vorläufig im Programm, vor allem für «spezifische Märkte», eine teure Weiterentwicklung zur Effizienzsteigerung ist offenbar nicht mehr vorgesehen. «Wir folgen dabei dem Markt», so Karin Rådström salomonisch. Von der optimierten Premiumvariante Actros L, der ab November lieferbar ist, seien aber inzwischen schon 9000 Exemplare bestellt worden, sagte von Wallberg.

Im Zusammenhang mit der Elektrifizierung steht die Infrastruktur, die gleichzeitig mit dem E-Lastwagenangebot wachsen muss, will man die Fahrzeuge auf die Strasse bringen. Daimler kooperiert deswegen eng mit Volvo Trucks und Traton (Scania, MAN, Volkswagen Caminhões e Ônibus, Navistar und RIO). 500 Millionen Euro sollen gesamteuropäisch u. a. in 1700 H2-Tankstellen für E-Lastwagen und -Busse investiert werden, bis 2025 sind mithilfe zusätzlicher Partner und Fördermittel 15 000, bis 2030 sogar 50 000 «charging points» geplant. Zusammen mit Shell entstehen in Bälde 150 H2-Tankstellen entlang der Routen Rotterdam – Hamburg – Köln.

Kunden-Services

Im Zusammenhang mit der Elektrifizierung lasse MB den Kunden nicht allein, so von Wallberg: Mit dem sogenannten eConsulting «bettet Mercedes-Benz Trucks den eActros wie auch den eEconic in ein Ökosystem ein, das auch Beratungs- und Serviceangebote sowie digitale Lösungen für eine hohe Fahrzeugnutzung und Optimierung der Gesamtkosten umfasst». Ein MB Truck App soll effizienz- und komfortsteigernde Anwendungen bieten, und «die neue Plattform ‹My Truckpoint by Mercedes-Benz› ermöglicht die komplette Übersicht über Verträge, Angebote, Ersatzteilbestellungen, Inspektionen sowie Wartungen». (Hans-Peter Steiner)

Ein Diesel geht immer noch

Die beiden Varianten des konventionellen Actros mit Dieselmotor unter der Kabine setzen, nicht nur laut MB, immer noch Massstäbe. Der Actros F ist die kostengünstigere, auf Funktionalität getrimmte Variante, der «L» (für Luxus?) das Premium-Modell, das MB-Flaggschiff. Auf der Strasse rund um Wörth nahmen sich beide Typen nichts, nur dass man im F nicht ganz so hoch sitzt und in der niedrigeren Kabine etwas Platzeinbusse akzeptieren muss – wegen des zwölf Zentimeter hohen Motorentunnels. Dafür ist das Besteigen über drei Stufen etwas leichter. Die Giga-Kabine des L muss man eher erklettern, fünf Stufen führen in das Edel-Fahrerhaus. Er protzt mit Vollausstattung: LED-Hauptlichter (optional), windschlüpfrigen Seitenschürzen, seitlichem Radar vor dem rechten Hinterrad aussen (optional beim F), MirrorCam und innen mit sämtlichen Assistenzsystemen, die Mercedes-Benz zu bieten hat – ADA 2 (Active Drive Assist Generation 2), der Notbremsassistent ABA 5 (Active Brake Assist 5), der Abbiegeassistent mit aktiver Bremsung (Active Sideguard Assist) und – natürlich – das «anwenderfreundliche Multimedia-Cockpit mit zwei Farbdisplays. PPC (Predictive Power Train = vorausschauende Antriebsstrangkontrolle) hat er natürlich auch und erkannte – über GPS – Kreisverkehre. Das hilft beim Treibstoffsparen, weil der Lastwagen bestimmt, wie zu schalten und Gas zu geben ist – nur halt nicht ganz CO2-frei. (hps)

Wasserstoff und neues Fahrgefühl

Selber fahren ging nicht, nur Beifahren. Das GenH2-Erprobungsfahrzeug, den ersten richtigen Brennstoffzellen-Actros, noch entfernt von der Serienreife, präsentierte Mercedes-Benz auf der Versuchsstrecke in Wörth. Der Demo-Chauffeur musste dem Truck eine Minute geben, bis nach dem Starten alle Aggregate, darunter zwei Turbinen, angelaufen waren. Die Instrumentierung – zusätzliche Bedienelemente und Monitore – eher noch experimentmässig. Aber als er dann lief, rollte, so geräuschlos, wie das E-Fahrzeuge eben tun, das Aha-Erlebnis. Scheinbar schwereloses Dahingleiten des 40-Tonners mit dem aerodynamisierten dunkelgrauen Auflieger, wären nicht streckenweise Schlaglöcher und Schwellen der Rüttelstrecke gewesen. Ungestüme Beschleunigung auf 85 innert kürzester Distanz aus annähernd 800 PS der E-Motoren, zügiges Überholen eines Actros-L, dann Einschwenken in die Steilkurve, oberste Spur. Eindrücklich, man fürchtete, umzufallen. Oder aus der Kabine. Dann Steilrampe. Anhalten mitten drin, nur der Himmel war zu sehen, anfahren am Hang, die Antriebsräder streiften Gummi ab. Aber dennoch – irgendwie mühelos. Komplexe Technik, die aus einem Lastwagen ein Raumschiff macht. Die Zukunft des Überland-Lastwagens, laut MB, ist ziemlich sicher. (hps)

Der eActros: Die Lösung für die Kurzstrecke wird in Serie gebaut

300 bis 400 Kilometer Reichweite schafft der eActros für den schweren Verteilerverkehr – je nachdem, welches Batteriepack am Chassis hängt, aber auch abhängig von der Fahrweise, locker. Vorausschauendes Fahren ist im leisen Elektro-Actros nach wie vor oberste Prämisse, wenn man weit kommen und Strom sparen will. Das Testfahren mit Kundenerprobungsmodellen rund um Wörth sollte erste Eindrücke davon vermitteln, dass der elektrifizierte Dreiachser marktreif ist. Die ersten davon liefen anfangs Oktober vom Band, vom gleichen übrigens, auf dem Dieselfahrzeuge zusammengeschraubt werden. Gestartet wird per Knopfdruck, Rückspiegel einzustellen erübrigt sich, weil MirrorCams diese Rolle übernommen haben. Überhaupt fühlt man sich wie in einem konventionellen Lastwagen, es fehlt nur Motorsound. Die nicht existenten Aussenspiegel lassen Windgeräusche vermissen. Unterwegs: «Machen Sie mal einen richtigen Kick-down, damit wir etwas Strom verbrauchen», so der beisitzende Demofahrer von MB. Der Actros beschleunigte derart, wie das mit einem Diesel nie möglich wäre, allein schon wegen des Kraftschlussverlustes im konventionellen Schaltgetriebe. Einen Teil des verbrauchten Stroms gewann man aber wieder zurück – durch Rekuperieren.» Ganz repräsentativ war die Testfahrt indes nicht, es fehlte Be- und Entladen, wie dies zu einem realen Verteilerfahrzeug gehört. (hps)

… die Variante mit Xenon-Hauptlicht.
Covid verlangte, dass der Actros nach jedem Fahrerwechsel desinfiziert werden musste.
Zwei Beleuchtungsvarianten: hier die Variante mit LED-Hauptlicht und unten …
Zwei neue Mercedes Actros L: Die Dieselversionen werden natürlich weiterhin produziert. Der Actros L auf der rechten Seite hat ein GigaSpace-Fahrerhaus und LED-Hauptscheinwerfer.
Der dieselbetriebene Actros L wird hier von einem eActros und dem wasserstoffbetriebenen Prototyp GenH2 (rechts) flankiert.
Karin Rådström (r.), Vorstand der Daimler Truck AG, verantwortlich für die Marke Mercedes-Benz Lkw. Andreas von Wallfeld (l.), Leiter Marketing, Vertrieb und Services Mercedes-Benz Lkw.