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Mit dem V8 quer durchs Land

Manuel Kohler (29) aus Worb BE ist auf der Ost-West-Achse unterwegs. Er verbindet das Lager der Gebrüder Weiss AG in Altenrhein SG mit den westlichen Landesteilen. Sein Beruf als Chauffeur macht ihm Spass – trotzdem sind ihm auch kritische Worte über das Metier zu entlocken.

Auf dem Areal der Bergundthal Transporte in Schüpfen BE stehen nicht nur die firmeneigenen blauen und weissen Lastwagen, auch ein oranger Sattelzug ist dort «beheimatet». Er gehört der Firma Mischa Berger Transporte und ist in den Farben der Gebrüder Weiss AG lackiert. «Ich fahre ausschliesslich für die Gebrüder Weiss», sagt Chauffeur Manuel Kohler, als er den Scania V8 abfahrbereit macht.

Mit dem sonoren V8-typischen Sound geht die Tour los. Der grösste Teil der Ladung befindet sich bereits im Schlepper. Einzig eine Kiste muss er noch aufladen. Dafür fährt Manuel Kohler nach Lotzwil BE. Obwohl er zum ersten Mal bei diesem Kunden etwas aufladen muss, findet er den Maschinenhersteller auf Anhieb. Die Kiste ist schnell verstaut, und Kohler macht sich auf den Weg nach Altenrhein. Denn dort, am Bodensee, befindet sich der Sitz der Gebrüder Weiss AG. In Dietikon staut es zum ersten Mal etwas, bis der Weg auf die Nordumfahrung und durch den Gubrist frei ist. «Hier muss man immer besonders gut aufpassen», sagt Kohler. «Viele Auto- und Lieferwagenfahrer quetschen sich einfach irgendwo rein, manchmal fahren sie dir unvermittelt vor die Nase.» Eine Erfahrung, mit der alle Chauffeurinnen und Chauffeure leben müssen, vor allem aber jene, die täglich auf den vielbefahrenen  Hauptachsen unterwegs sind.

Übernachten im Lastwagen

Manuel Kohler gehört mindestens jeden zweiten Tag zu jenen Chauffeuren. Hat er nämlich in Altenrhein abgeladen und geladen, geht es zurück in den Kanton Bern. Am nächsten Tag verteilt er die Ware aus dem Lager der Gebrüder Weiss AG in der ganzen Westschweiz. «Auch ins Wallis oder nach Basel fahre ich öfters», sagt er. Seine Arbeit erhält so einen Rhythmus. Jene Arbeitstage, an denen er in die Ostschweiz fährt, dauern meistens länger. Wenn er unterwegs noch etwas laden oder er in der Ostschweiz nicht nur Altenrhein ansteuern muss, könnte es bei hohem Verkehrsaufkommen auch mal knapp werden mit der Lenkzeit. Manuel Kohler lässt dann aber nichts anbrennen und übernachtet im Lastwagen. «Von Donnerstag auf Freitag mache ich das eigentlich immer», sagt er. Denn: Gegen Ende Woche nehme der Verkehr massiv zu. Die Tage, an denen er in der Westschweiz unterwegs ist, dauern tendenziell eher weniger lang. «So gleicht es sich mit den Arbeitsstunden meistens wieder aus», sagt Kohler.

Hohe Selbstständigkeit

Am Tag unserer Reportage läuft der Verkehr in die Ostschweiz gut. Kurz vor St. Gallen sind neben der Autobahn vereinzelt leicht schneebedeckte Stellen zu sehen. Immer wieder regnet es, aber es herrschen normale Fahrbedingungen. In Altenrhein, in der Nähe des Areals der Gebrüder Weiss AG, lädt Kohler einen Teil seiner Ladung ab. Es sind neue Holzpaletten, die ein Mitarbeiter des Kunden mit dem Stapler aus dem Schlepper hievt. Danach geht es an die Rampen der Gebrüder Weiss, um den Rest abzuladen und neue Ware für die Westschweiz abzuholen.

Die Zusammenarbeit und Disposition mit dem Auftraggeber organisiere er selbst, sagt Manuel Kohler. Auch für das Fahrzeug schaue er. «Einen Termin in der Garage zum Beispiel mache ich direkt mit dem Garagisten ab», sagt er. «Meinen Chef informiere ich natürlich jeweils darüber.» Er geniesse einen hohen Grad an Selbstständigkeit. Dies sei ein wichtiger Grund, dass ihm der Chauffeurberuf so gut gefalle – neben der Faszination für Anhänger- und Sattelzüge, «das grosse Zeug» eben. Dass er am Steuer des Scania V8, den er innen und aussen hegt und pflegt, für sich sein kann, finde er ebenfalls gut. «Bis jetzt wollte ich jedenfalls noch nie zurück in meinen alten Beruf, obwohl mir dieser auch gut gefallen hat», sagt er.

Nach der Lehre als Heizungsinstallateur machte er im Militär die C1-Prüfung. «Ich war schon lange fasziniert von Lastwagen, das Militär bestärkte mich noch darin», erklärt er. «Deshalb habe ich nach der RS noch die grosse Prüfung gemacht.» Er habe eine Stelle in einem Transportunternehmen angenommen und sei dann schon bald Auslandtouren gefahren. «Am Anfang vor allem nach Deutschland, danach noch in viele weitere europäische Länder.»

Privatleben wieder möglich

Mittlerweile geniesse er es, einfach viel in der Schweiz herumzukommen, mit Arbeitszeiten, die einigermassen absehbar seien. «So kann ich auch mal etwas Privates planen», sagt er. «Das war vorher nicht der Fall. Dafür konnte ich mir den Traum erfüllen, international unterwegs zu sein.»

Nachdem in Altenrhein alles erledigt ist, fährt Manuel Koller nach Diepoldsau, wo er bei einer Firma direkt etwas auflädt. Auf der Rückfahrt beginnt es stark zu schneien. Durch das Brüttiseller Kreuz und den Gubrist kommt er noch mit der gewohnten Verzögerung. Beim Bareggtunnel wird es dann immer zähflüssiger, bis es kaum mehr vorwärts geht. Räumfahrzeuge mit Salzstreuer sind unterwegs, und irgendwann läuft der Verkehr wieder etwas besser, aber immer noch langsam. «Zum Glück bin ich heute zeitlich sehr gut dran», sagt er. «So reicht die Lenkzeit gut, um trotzdem noch nach Schüpfen zu kommen.»

Wäre dies nicht so, könnte er ein Problem bekommen. Und so kommt Manuel Kohler auch auf die Schattenseiten des Metiers zu sprechen. «Eine Minute zu lang am Steuer gibt eine saftige Busse, aber Parkplätze, um Pausen zu machen oder zu übernachten, gibt es viel zu wenige», sagt er. Bedenkt man die engen Zeitpläne vieler Chauffeure, ist dies tatsächlich eine unhaltbare Situation. Zudem wünsche er sich mehr Wertschätzung: «Die Leute schauen dich oft als Hindernis an, anstatt als denjenigen, der die Ware liefert, die sie einkaufen.»

Manuel Kohler ist trotzdem sehr gerne mit dem Lastwagen unterwegs, die schönen Seiten des Chauffeurberufs überwiegen für ihn klar. Als Fahrzeugfan freut er sich auch auf ein bald anstehendes «Upgrade» seines Arbeitsplatzes. Die Kabine erhalte im Innern eine etwas edlere Ausstattung, verrät er uns.

Der Arbeitstag hat sich wegen der Strassenverhältnisse ziemlich in die Länge gezogen. «Das kommt halt manchmal vor, das gehört zum Beruf», sagt Manuel Kohler, als er auf das Areal fährt, auf das er seinen Lastwagen stellen kann. Am Morgen darauf wird er wieder aufbrechen – diesmal allerdings in die entgegengesetzte Himmelsrichtung, nach Westen. (Daniel von Känel)

Der Chauffeur

Der im Berner Oberland aufgewachsene Manuel Kohler (29) wohnt heute in Worb BE. Er machte eine Lehre als Heizungsinstallateur. Im Militär machte er die C1-Prüfung, danach noch jene für schwere Lastwagen. Er fährt heute für Mischa Berger Transporte. (dvk)

Der Arbeitgeber

Mischa Berger gründete die Mischa Berger Transporte im 2008. Drei Lkw gehören zur Flotte. Zwei sind für Planzer unterwegs, einer davon wird vom Firmengründer selbst gefahren. Das dritte Fahrzeug, jenes von Manuel Kohler, fährt für die Gebrüder Weiss. (dvk)